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visuellepolitik.at interviewt "drüben!" Autor: Die DDR im Kopf
Uniformen, Grenzübergänge, hohe Mauern und die Farbe Grau. 20 Jahre nach dem Mauerfall zeichnet Simon Schwartz das Abenteuer seiner Eltern nach, die in den frühen 1980er Jahren der DDR den Rücken kehrten. Die Bilder, die Schwartz über dieses politische System wiedergibt, stützen sich großteils auf seine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit. Die Presse würdigt den erst kürzlich vom avant-verlag herausgegebenen Graphic Novel “drüben” mit zahlreichen Berichten. Der “Stern” spricht dabei von einem “sehr befreienden” Comic, die “Süddeutsche Zeitung” ist von dem “starken” Comic sehr beeindruckt, die “Zeit” sieht darin einen “Beitrag zur deutschen Geschichte” und die “taz” erkennt “viel Gespür für westliche Popkultur und östliche Ikonografie”. Im Interview mit VISUELLEPOLITIK spricht Schwartz über seine Vorbilder, seine Erinnerungsbilder aus der Kindheit und die Bilder seines aktuellen Comic-Debüts.
VISUELLEPOLITIK: In Ihrem aktuellen Graphic Novel “drüben” zeichnen Sie einfühlsam die Erinnerungen (ihrer Eltern) an ein geteiltes Deutschland nach. Auf welche “(Vor-)Bilder” stützen Sie sich dabei? Sind es rein persönliche oder auch andere aus beispielsweise TV-Dokumentationen über die DDR?
Schwartz: Erzählerisch bin ich mit Sicherheit stark von US-amerikanischen Comiczeichnern wie Chris Ware und Seth beeinflusst. Stille Bilder, die trotzdem die inneren Zustände der Figuren zeigen, ohne viel Text. Für mich war von Anfang an klar, dass ich meine Geschichte in einer unaufgeregten und ruhigen Art erzählen wollte. In Teilen sehe ich meine Erzählung eher als eine Dokumentation, denn als eine normale Geschichte. Dieser Stil war mir sehr wichtig, da er sachlich und nicht kommentierend ist. Sich selbst zeichnerisch in eine Richtung oder Tradition einzuordnen, ist meist eher müßig und irreführend. Meist sind die Einflüsse zu vielseitig und von subtiler Natur. Man kann aber zumindest sagen, dass ich sehr stark von Comiczeichnern der so genanten “Ligne Claire” beeinflusst bin. Der Comiczeichner und -theoretiker Scott McCloud behauptet, dem Leser würde es bei Ligne-Claire-Comics leichter fallen, sich mit den Figuren zu identifizieren, weil ihre Gesichtszüge kaum definiert seien und somit großen Spielraum für eigene Interpretation ließen. Neben Hergé beeinflussen mich insbesondere amerikanischen Künstler wie Seth und Chris Ware (speziell bei der Darstellung von Raum) sowie der ostdeutsche Zeichner und Grafiker Hannes Hegen. Hegen ist ein klassischer Vertreter eines in den 1960er Jahren populären Illustrationsstils, ähnlich dem des Nick-Knatterton-Erfinders Manfred Schmidt . Hegen entwickelte 1955 die einzige ostdeutsche Comiczeitschrift “Mosaik”.
VISUELLEPOLITIK: Sie bilden die DDR in Grautönen ab – warum?
Schwartz: Das Grau war eine rein ästhetische Entscheidung. Kein größerer Gedanke dahinter. Allerdings weiß ich von meinem Vater das er die DDR prinzipiell immer als Grau in Erinnerung hat.
VISUELLEPOLITIK: Sie sind Anfang der 1980er Jahre, kurz nach ihrer Geburt, mit ihren Eltern nach Westberlin gezogen. An welche einprägsamen “DDR-Bilder” ihrer Kindheit können Sie sich erinnern?
Schwartz: Die werden im Buch ja gezeigt. Direkt an der Mauer in West-Berlin wohnen, Grenzübergänge, Uniformen, Waffen usw.
VISUELLEPOLITIK: Als die Mauer in Deutschland fiel waren Sie sieben Jahre alt. In “drüben” vermitteln Sie ihr Verhältnis zur DDR mit starken Perspektiven von unten nach oben. Hatten Sie dieses “demütigende” Gefühl bereits vor dem Fall der Mauer oder entstand es erst durch Ihre aufarbeitende Beschäftigung mit dem damaligen System?
Schwartz: Nein, ich habe und hatte nie ein demütigendes Gefühl. Meine Eltern sind gedemütigt worden. Nicht ich. Meine Kindheitsbegenungen mit Grenzsoldaten und Gewehren waren für mich als Kind zwar beängstigend, aber auch “normal”. Man akzeptiert als Kind viel mehr als man denkt und nimmt Dinge schlicht und einfach als gegeben hin. Das war halt einfach so. Eine Reflektion darüber kommt erst als Erwachsener.
VISUELLEPOLITIK: Ihr ausdrucksvolles Debüt “drüben” wird in der Presse oft mit dem ebenso erfolgreichen “Persepolis” von Marjane Satrapi verglichen. Auch sie erzählt in Bildern über ein politisches System. Welchen Mehrwert haben Bilder für die Erzählung über Politik?
Schwartz: Das kann ich nicht beantworten. Zwar spielt das politische System der DDR eine wichtige Rolle in meinem Buch, aber ich betrachte “drüben!” weniger als ein Buch über Politik, als eine Familiengeschichte. Was einen Mehrwert angeht, so ist er immer nur bei Dingen zu finden, für die sich Leute auch interessieren, oder über die Sie noch nichts wussten. Das Medium (ob Comic, Film oder Roman) ist hierbei glaube ich unwichtig. Vermutlich habe ich mit meinem Buch einen Nerv getroffen, da es auf zwei eher stiefmütterlich bis gar nicht behandelte Themen verweist: Die Geschichte normaler (nicht berühmter) Dissidenten und den ein Fluss der deutschen Teilung auf Mitglieder meiner Generation, welche noch sehr klein waren als die Mauer fiel. Wir werden bisher gar nicht als Beteiligte und Beeinflusste wahrgenommen.
Das Interview mit Simon Schwartz wurde per E-Mail am 25. November 2009 geführt.
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