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Max und Moritz-Publikumspreis & Bester internationaler Comic 2010 sind avant-verlag Titel!
Bester internationaler Comic: „Pinocchio“ von Winshluss
Das Cover sticht ins Auge: Bunt, verschnörkelt und nostalgisch beschwört es die Gestaltung der Almanache des frühen 20. Jahrhunderts. Auch der Titel „Pinocchio“ verweist in die Vergangenheit: Carlo Collodi verfasste seine rabenschwarze Erziehungsmoritat 1883, Walt Disney versüßlichte sie 1940, seither ist der Holzjunge eine immer wieder neu interpretierte Ikone der populären Kultur. Genau das reizte auch den französischen Comic-Autor Winshluss: In seinem „Pinocchio“ ist Gepetto ein skrupelloser Waffenfabrikant, Pinocchio – ein niedlicher Roboter mit Flammenwerfernase – seine Wunderwaffe zur Weltunterwerfung und Jiminy Grille eine obdachlose Kakerlake mit schriftstellerischen Ambitionen … Dem breiten Publikum bekannt ist Vincent Paronnaud alias Winshluss als Co-Regisseur von Marjane Satrapis Animationsfilm „Persepolis“. Als Comic-Autor hingegen zelebriert er ohne Furcht vor Tabus das subversive Potenzial der Comics. Auf 200 weitgehend wortlosen Seiten reißt uns Winshluss mit auf eine furiose und überaus unterhaltsame Tour de Force durch den aktualisierten Pinocchio-Stoff (inklusive Neonazis, religiöse Fundamentalisten, Atommüll, Sex und Totschlag und vieles mehr) und verarbeitet auch gleich die Geschichte der populären Kultur der letzten hundert Jahre.
Laudatio:
Alle kennen „Pinocchio“, die kleine Holzmarionette mit der langen Nase. Carlo Collodis raben-schwarze Erziehungsmoritat erschien ursprünglich 1881; sechzig Jahre später, 1940, versüßlichte Walt Disney sie in seinem Trickfilm, und heute – nun, heute reißt uns Winshluss mit auf eine furiose und überaus unterhaltsame Tour de Force durch den aktualisierten „Pinocchio“-Stoff. In Winshluss' „Pinocchio“ ist Geppetto ein skrupelloser Waffenfabrikant, der zur Weltunterwerfung einen kleinen Roboter mit Flammenwerfernase baut. Dieser Pinocchio stolpert in einen wilden Strudel von Ereig-nissen, er schlägt sich mit Neonazis herum, mit religiösen Fundamentalisten und kriegsgeilen Kapita-listen, mit Atommüll, Sex, Totschlag und vielem anderem mehr. Atemlos ist das, bitterböse, brillant, nicht selten unkorrekt und geschmacklos, aber immer mit großer Kelle angerührt. Zeichnerisch ent-facht Winshluss auf zweihundert weitgehend wortlosen Seiten ein sinnverwirrendes Feuerwerk an unterschiedlichen Stilen und spickt sie mit unzähligen Zitaten aus der Populärkultur der letzten 100 Jahre. Dem breiten Publikum bekannt ist Winshluss alias Vincent Paronnaud als Co-Regisseur von Marjane Satrapis Animationsfilm „Persepolis“. Als Comic-Autor hingegen zelebriert er in „Pinocchio“ ohne Furcht vor Tabus das subversive Potenzial der Comics, das in den Zeiten der „Graphic Novel“ ein bisschen vernachlässigt wird. Nicht zuletzt deswegen überreichen wir Winshluss und seinem kleinen Roboter den Preis für den besten internationalen Comic.
Max und Moritz-Publikumspreis: „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ von Ulli Lust (avant-verlag / electrocomics)
Mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ legt die Österreicherin und Wahlberlinerin Ulli Lust ein fulminantes autobiografisches Debüt vor: Es ist die Irrfahrt von zwei gelangweilten und naiven Punk-Mädels aus Wien, die im Sommer 1984 ohne Geld, Gepäck und Ziel durch Italien trampen. Der schwärmerische Aufbruch zweier freiheitstrunkener Aussteigerinnen mutiert indes bald zum Albtraum. Ulli Lust schildert diese Initiationsreise mit Distanz, geradezu kühl, ohne Larmoyanz, aber mit einer gesunden Prise schwarzen Humors. Ihre Erzählweise ist dicht und atemlos und reißt den Leser mühelos mit – bis zum Absturz in Sizilien: Vergewaltigung, harte Drogen, Prostitution, Mafia. Im spannungsvollen Kontrast zur reflektierten Erzählhaltung stehen die fiebrigen Zeichnungen: Scheinbar schnell hingeworfen, schwarz-weiß und mit einem schmutzigen olivgrünen Farbton unterlegt, vermitteln sie den Eindruck größtmöglicher Unmittelbarkeit und Authentizität. Ulli Lust zeichnet ihre Erfahrungen bis zum bitteren Ende mit beeindruckender Konsequenz auf und ohne den Versuch, sie moralisch oder pädagogisch abzurunden oder zu schmücken.
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