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Kulturzeit 3 Sat berichtet über Ulli Lusts feministischen Punk-Comic.
(als Video zu sehen unter: http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?source=/kulturzeit/lesezeit/140839/index.html
Intensive Grenzerfahrung
Punks sind Rebellen. 1984 brennt die 17-jährige Ulli einfach durch. Heute ist sie Comiczeichnerin und hat ihre Geschichte aufgezeichnet. Mit "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" hat Ulli Lust ein rebellisches Buch gezeichnet, mit dem man Teil einer anderen Welt wird.
"Das Zeichnen an dem Buch hat mir wirklich extrem viel Spaß gemacht", sagt Ulli Lust. "Es hat mich bereichert. Aber in dem Moment, in dem das Buch fertig war, fing eine gewisse Besorgnis an. Da habe ich mich erinnert, wie die Gesellschaft damals reagiert hat, als ich heimgekommen bin. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass das wieder anfangen würde, aber das ist gar nicht so. Ich wünsche mir, dass man als Autor im Mittelpunkt steht und nicht als Hauptdarsteller einer abgefuckten Story."
Irrfahrt durch eine archaische Welt
Eine abgefuckte Story? Ulli Lusts mehr als 450 Seiten starkes Buch erzählt eine wahre Geschichte. Anfang der 1980er Jahre hauen Ulli und Edi, zwei 17-jährige Punks aus Wien, ab nach Italien. Sie haben ein T-Shirt zum Wechseln, aber weder Geld noch Papiere mitgenommen. Österreich ist nicht in der EU, da stolpern sie eben bei Nacht und Nebel über die grüne Grenze. Wenn man nichts mitnimmt, hat man da auch nichts zu verlieren? Binnen kurzer Zeit werden die Teenager vom italienischen Machismo zu Freiwild erklärt. Der Aufbruch in den Süden wird zur Irrfahrt durch eine archaische Männerwelt.
"Eigentlich geht es um das Bewusstsein, dass es kein Morgen gibt oder kein Übermorgen", so Lust. "Gleichzeitig handelt mein Buch von einem unglaublichen Lebenshunger. Das ist ein Paradoxon. Aber ich glaube, gerade solche paradoxen Motivationen machen eine Geschichte erst spannend." Wer zeichnet, bewältigt die Welt in Bildern. Für einen guten Comic braucht man sehr viel Disziplin. Eine Seite in drei Tagen - fast fünf Jahre arbeitete Ulli Lust an ihrem Buch. Bücher reflektieren die Welt. Ulli Lusts Buch ist mehr als eine schlimme Jugendgeschichte, es ist ein feministisches Statement.
Aus der Perspektive junger Frauen
Ihr autobiografischer Comic ist auch eine Grenzerfahrung. Ihre Erfahrung schildert Ulli Lust mit erschreckender Intensität. "Wir waren damals ziemlich selbstbewusste Punkmädchen", sagt Lust. "Wir haben uns nichts gefallen lassen. Aber es war doch erstaunlich, mit welcher Respektlosigkeit die Männer uns behandelt und uns einfach reduziert haben auf diese Körperlichkeit. Das hätten wir so nicht gesehen. Wir haben uns als starke, selbstbewusste, vollwertige Menschenwesen gesehen, die auch weiblich sind und unsere Sexualität haben wir mit großem Vergnügen ausgelebt. Aber für die Männer war das ein Zeichen dafür, dass sie uns degradieren können. Ich fand es interessant, das aus der Perspektive von jungen Frauen zu erzählen."
"Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" ist ein großes Buch von einer Österreicherin in Berlin. Ulli Lust zeichnet oft auf der Straße. Bleistiftreportagen. Kunst oder Literatur? Comics sind mehr. Und bei Ulli Lust sind sie beides zugleich. "Ich kann im Bild ganz viele Aussagen mittransportieren, die erstmal gar nicht so offensichtlich beschrieben werden", sagt sie. "Da läuft sehr viel auf der unterschwelligen Ebene. Das hat den Nachteil, dass die Leute manchmal Bilder sehr viel oberflächlicher lesen als sie es eigentlich verdienen würden. Es wäre gut, wenn die Leute den Comic zweimal lesen, weil man dazu neigt, das Bild ganz schnell anzuschauen."
Und was ist mit dem Happy End? Nach zwei Monaten der Odyssee kehrte Ulli Lust nach Hause zurück. Gab sie auf? Rebellen bleiben sich treu, wenn sie ihre eigene Geschichte erzählen.
Lotar Schüler, Kulturzeit, 05.01.2010
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